Titelaufnahme

Titel
Vom zürnenden Gott zur genetischen Disposition : die Denkfigur des Schicksals in der Geschichte des Abendlandes / Marlon Auernig
Weitere Titel
From the rage of god to genetic disposition - the concept of fate in occidental history
VerfasserAuernig, Marlon
Begutachter / BegutachterinBerger, Wilhelm ; Pechriggl, Alice
Erschienen2011
Umfang215 Bl.
HochschulschriftKlagenfurt, Alpen-Adria-Univ., Diss., 2011
Anmerkung
Abweichender Titel laut Übersetzung der Verfasserin/des Verfassers
SpracheDeutsch
Bibl. ReferenzOeBB ; KB2011 04
DokumenttypDissertation
Schlagwörter (DE)Schicksal / Determinismus
Schlagwörter (EN)fate / determinism
Schlagwörter (GND)Determinismus / Philosophie / Schicksal / Philosophie / Geschichte
URNurn:nbn:at:at-ubk:1-26660 Persistent Identifier (URN)
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Vom zürnenden Gott zur genetischen Disposition [1.17 mb]
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Zusammenfassung (Deutsch)

Ziel der Arbeit ist es aufzuzeigen, inwiefern der Glaube an ein determiniertes Schicksal sowohl in mythologischen Welterklärungsmodellen als auch in der modernen Naturwissenschaft eine zentrale Stelle einnimmt.

Einleitend wird dargelegt, inwiefern das mythische Substrat bestimmend für das Weltbild der griechischen Antike gewesen ist. Die fatalistischen Tendenzen darin sind weit mehr als peripheres Stilmittel, sondern stellen ein konstituierendes Element der zeitgenössischen Weltanschauung dar, wie etwa Nietzsche in seinem Erstlingswerk Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik aufzeigt. Die zentrale Stelle des Schicksals wird anhand der Mythen von Ödipus und Perseus, sowie der Ilias von Homer illustriert. Doch auch außerhalb der griechischen Mythologie finden sich ähnliche fatalistische Tendenzen: Prophetische Träume und Vorahnungen im Nibelungenlied, in zahlreichen Märchen aus der Sammlung der Gebrüder Grimm oder auch in Shakespeares und Goethes Werken sind nur einige willkürlich herausgegriffene Beispiele für eine Denkfigur, die in der abendländischen Geistesgeschichte eine bedeutende Rolle spielt. Die Christianisierung Europas bedeutete keinesfalls das Ende fatalistischer Weltanschauung, sondern lediglich eine Verlagerung von der unberechenbaren Moira der griechischen Antike in die Hände einer einzelnen konkreten Gottheit. Ein prominenter Denker, der sich damit auseinandergesetzt hat, war Carl von Linne, dessen Leistungen im Bereich der naturwissenschaftlichen Nomenklatur bis heute maßgeblich sind. In seinem Werk Nemesis Divina illustriert er seine Überzeugung von einer unabwendbaren, fatalistischen göttlichen Vergeltung anhand von mannigfachen Anekdoten aus den unterschiedlichsten Bereichen. Dass dieses Denken noch tief in antiken Vorstellungen verwurzelt ist, beweist schon der Titel, ist doch die Nemesis eine griechische Rachegöttin. Es lässt sich hier also eine gewisse Kontinuität ungeachtet des radikalen Übergangs vom Poly- zum Monotheismus beobachten. Doch diese Kontinuität ist keineswegs auf mythisch/religiöse Kosmologien beschränkt, sondern erstreckt sich bis tief in die moderne Naturwissenschaft hinein.

Prädeterministische Denkmodelle prägten Genetik und Verhaltensforschung in ihrem Frühstadium in einem Ausmaß, das kaum hoch genug eingeschätzt werden kann. Und auch wenn die modernen Biowissenschaften die einfachen kausalen Erklärungsmodelle ihrer Frühzeit spätestens mit dem Aufkommen der Quantenphysik durch komplexere Theorien ersetzt haben, lässt sich dieses kosmologische Fundament durch die Entwicklungen weniger Jahrzehnte nicht einfach neutralisieren. Spuren mythischer Schicksalsvorstellungen finden sich etwa im Essentialismus der Scholastik, dessen Kernthese "die Essenz bestimmt die Existenz" direkt auf die Anfänge der genetischen Forschung in der ersten Hälfte des 20.

Jahrhunderts angewendet werden könnte. Auch hier findet sich also eine Kontinuität, die man zwischen einer mittelalterlich/klerikalen philosophischen Strömung und moderner Naturwissenschaft nicht unbedingt erwarten würde. Die Geschichtsphilosophie Hegels ist zu einem beträchtlichen Ausmaß von der Vorstellung des christlichen Heilsplans beeinflusst, während Nietzsches Lehre der ewigen Wiederkunft des Gleichen einen notwendigen Werdegang der kosmischen Entwicklung jenseits irgendeiner überirdischen Sinngebung propagiert. Somit stehen zu Beginn der Moderne zwei Gedankenmodelle, die ihrer Gegensätzlichkeit zum Trotz auf einer deterministischen Weltanschauung basieren.

In den modernen Naturwissenschaften spielt das Schicksal in der Gestalt kausaler Erklärungsmodelle eine wesentliche Rolle. Der Satz vom Grunde, zum ersten Mal von Leibniz auf seine konkrete Formulierung gebracht, stellt bis heute eine wichtige Grundlage naturwissenschaftlicher Forschung dar und bezeichnet, etwa von Horkheimer und Adorno argumentiert wird, eine säkularisierte Wiederkehr der mythischen Denkfigur einer alle irdischen Vorgänge durchwirkenden Notwendigkeit.

Eng mit der Entwicklung der neuzeitlichen naturwissenschaftlichen Forschung verbunden ist die Technik, deren ständig anwachsende Möglichkeiten dem Menschen einst eine Emanzipation von den unkontrollierbaren Mächten versprach, die einst sein Leben beherrschten.

Denker wie Martin Heidegger zeigten jedoch auf, wie eng dieses Ideal der universellen Verwaltbarkeit mit einer Abhängigkeit verbunden ist, welche den Menschen zum Angestellten des Wesens der Technik macht. In diesem Punkt kommt die Ambivalenz des Technikbegriffs zum Vorschein, der einerseits wie im Ikarosmythos durch die Entfaltung der künstlichen Flügel die Entfaltung von Möglichkeiten illustriert als auch andererseits das schicksalhafte Verhängnis, wenn der Sohn des Dädalos ins Meer stürzt, umfasst. Vor diesem Hintergrund lässt sich ein Schicksalsbegriff entwickeln, der jenseits des Dualismus einer unabwendbaren Notwendigkeit einerseits und einer universellen Verwaltbarkeit liegt.

Zusammenfassung (Englisch)

The aim of the study is to show how the concept of determinism plays a major role in ancient mythical cosmology as well as in modern scientific theories.

The mythological cosmology of ancient Greece is introduced in the first chapters. The fatalistic tendencies in it are much more than peripheral stylistic device, but form a constitutive element of contemporary philosophy, such as Nietzsche points out in his first work The Birth of Tragedy from the Spirit of Music. The mojor role which fate plays in this cosmology is illustrated by the myths of Oedipus and Perseus, and the Iliad of Homer. Outside of Greek mythology, there are similar fatalistic tendencies to be found in different cultures: Prophetic dreams and premonitions in the Nibelungenlied, in many fairy tales from the collection of the Brothers Grimm, or even in Shakespeare's, and Goethe's works are just a few randomly chosen examples of a concept, which plays a significant role in occidental history.

The Christianization of Europe does not mean the end of fatalistic belief, but simply a transfer of the unpredictable Moira of ancient Greece into the hands of a single personal god. A prominent thinker who has dealt with this topic was Carl von Linne ', whose achievements in the field of scientific nomenclature are relevant up to the present. In his book Nemesis Divina he illustrates his belief in an inevitable, fatalistic divine retribution on the basis of manifold anecdotes from a variety of areas. That fact that this conception is still deeply rooted in ancient ideas, is already demonstrated by the title. In ancient greek mythology Nemesis is the name of the goddess of vengeance. Thus, a certain continuity regardless of the radical transition from poly-to monotheism can be observed. But this continuity is by no means limited to mythical / religious cosmologies, but extends far into the field of modern science. Deterministic conceptions formed a major influence on genetics and behavioral science in its early stage to an extent that can hardly be overestimated. And even if modern times sciences have replaced the simple causal explanations of their early days, with more complex theories, the developments of a few decades can not simply neutralize a cosmological foundation which reaches back to ancient times. Traces of mythical fate conceptions can be located in the essentialism of scholasticism, whose core thesis "the essence determines the existence " played a major role in the development of genetic research in the first half of the 20th century. Here too, an unexpected continuity from a medieval / clerical philosophical current to modern natural science can be observed.

Hegel's philosophy of history is to a considerable extent influenced by the conception of the Christian plan of salvation, while Nietzsche's doctrine of the eternal recurrence of the same proclaims a determinism beyond any kind of supernatural meaning. Thus at the beginning of the modern age there are two conceptions which, despite their significant differences, form a deterministic cosmology.

In modern science determinism plays a major role under the name of causality. The principle of sufficient reason, for the first time formulated by Leibniz is, until today an important base of scientific research. Philosophers such as Horkheimer and Adorno, have defined it as a secular return of the mythical concept that all earthly processes are governed by an inevitable necessity.

Closely related to the development of modern scientific research is technology, whose ever-increasing opportunities once promised an emancipation from the uncontrollable forces that once dominated people's lives. Thinkers such as Martin Heidegger argued, however, how closely this ideal of universal manageability is connected to a dependency that makes man the employees of technology. This point renders is the ambivalence of the concept of technology, illustrating on the one hand, as in myth of Ikaos by the spreading of artificial wings the development of opportunities and on the other the doomed fate, when the son of Daedalus crashed into the sea. This ambivalence may lead to a new understanding of the tern "determinism" beyond the dualism of strict necessity on the one hand and universal manageability on the other.

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