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Title
Entwicklung weiblicher Geschlechtsidentität und Lernen von Physik - ein Widerspruch? : (Physik lernen als Entwicklung einer physikbezogenen Identität) / Ilse Bartosch
Additional Titles
Developing female gender identity and learning physics - a contradiction? (Physics learning as development of a physics identity)
AuthorBartosch, Ilse
CensorDiem-Wille, Gertraud/Labudde, Peter
Published2011
Description492 S. : graph. Darst.
Institutional NoteKlagenfurt, Alpen-Adria-Univ., Diss., 2011
Annotation
Abweichender Titel laut Übersetzung der Verfasserin/des Verfassers
Zsfassung in engl. Sprache
LanguageGerman
Bibl. ReferenceOeBB
Document typeDissertation (PhD)
Keywords (DE)Pädagogik/Physikdidaktik/Mächen im Physikunterricht/Alltagsphantasien/Fachkultur/Identität/Adoleszenz/Gender/Ethnographie/Psychoanalyse
Keywords (EN)pedagogy/physics education/girls in physics lessons/Nature of Science/phyiscs identity/adolescence/psychoanalysis/gender/ethnography/unconcious imaginations
Keywords (GND)Mädchen / Physikunterricht
URNurn:nbn:at:at-ubk:1-3067 Persistent Identifier (URN)
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Entwicklung weiblicher Geschlechtsidentität und Lernen von Physik - ein Widerspruch? [4.09 mb]
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Abstract (German)

In einer ethnographischen Fallstudie von vier MÃ$dchen, die an einer Wiener AHS die 7. oder 8. Schulstufe besuchen und im Physikunterricht interessiert und erfolgreich arbeiten, wurde der Frage nachgegangen, wie weibliche IdentitÃ$tsentwicklung und Physik lernen in der frÃhen Adoleszenz miteinander verschrÃ$nkt sind. Das Datenmaterial umfasst Beobachtungsprotokolle Ãber eine Serie von je zehn Physikstunden sowie Transkripte teilstrukturierter Interviews mit den LehrkrÃ$ften, die am Ende der Beobachtungsserie durchgefÃhrt wurden. Die Texte wurden einer tiefenhermeneutischen Analyse unterzogen und vor dem Hintergrund der psychoanalytischen PÃ$dagogik, der konstruktivistischen Physikdidaktik und der Gender Studies interpretiert. Theoretisch wurden die Aspekte Interesse, Kompetenz/Performanz und Selbstkonzept, die traditionell in der Forschung zu geschlechtergerechtem Physikunterricht als bedeutend erachtet werden, um den Aspekt der Anerkennung durch die bedeutsamen Anderen zum Konzept physikbezogenen IdentitÃ$t erweitert. Bei dieser Betrachtung lÃ$sst sich die Gestaltung der SchÃlerinnenrolle im Physikunterricht als Teilaspekt der IdentitÃ$tsentwicklung verstehen, in der im Wechselspiel von Selbst- und Fremdwahrnehmung real und phantasmatisch mit neuen IdentitÃ$tselementen experimentiert wird. Da die Auseinandersetzung mit LerngegenstÃ$nden im Physikunterricht nicht nur bewusste Vorstellungen wachruft, sondern auch unbewusste Konnotationen und Phantasien, ist Physik lernen auf der einen Seite eng mit der adoleszenten PersÃnlichkeitsentwicklung verwoben. Auf der anderen Seite sind fachliche Interaktionsprozesse im Physikunterricht diffizil und fÃr die AkteurInnen weitgehend unbewusst von der maskulinen Kultur des wissenschaftlichen Bezugsfachs, sowie von Geschlechterstereotypen geprÃ$gt, die als latenter Sinngehalt in einer tiefenhermeneutischen Analyse der erhobenen Daten sichtbar werden. Wegen der Vielschichtigkeit und KomplexitÃ$t von Lehr-Lernprozessen werden daher hÃ$ufig von LehrkrÃ$ften bewusst gesetzte egalisierende MaÃnahmen, wie sie etwa die geschlechtergerechte PÃ$dagogik und Physikdidaktik empfiehlt, von nicht reflektierten fachkulturellen Traditionen und Gewohnheiten konterkariert. DarÃber hinaus entstehen in zufÃ$lligen situativen Konstellationen klischeehafte Bilder, die dann zu einer Reproduktion stereotyper Zuschreibungen fÃhren, die sich auf der Makroebene als Asymmetrien bei Interessen und Leistungen etwa in internationalen Vergleichsstudien manifestieren. Wie gut es MÃ$dchen gelingt, das gesellschaftliche Angebot Physikunterricht zur Entwicklung einer physikbezogenen IdentitÃ$t zu nÃtzen, hÃ$ngt davon ab, wie die familialen und kulturellen Voraussetzungen und Dynamiken mit dem schulischen Angebot verzahnt sind und Ãber welche individuellen psychischen Ressourcen (kognitiv und affektiv) das sich bildende Subjekt verfÃgt. Die fachlichen Erfolge der SchÃlerinnen basieren mit Ausnahme einer einzigen SchÃlerin nicht so sehr auf ihrem umfangreichen Vorwissen, als vielmehr auf ihren metakognitiven und sprachlichen Kompetenzen, sowie auf der FÃ$higkeit zu flexibler Beziehungsgestaltung. Die MÃ$dchen kÃnnen in hohem Ausmaà synchron zum Denken darÃber reflektieren, inwieweit sich physikalische PhÃ$nomene, ErklÃ$rungen und GesetzmÃ$Ãigkeiten in ihren je spezifischen Verstehenshorizont einordnen lassen. Zum Teil artikulieren sie ihre Verstehensschwierigkeiten vor der Klasse und stellen sich so als denkendes Modell zur VerfÃgung, das die Probleme einerseits in die Sprache der Lernenden Ãbersetzt und sie andererseits mit der Lehrkraft durchdenkt.

In den Fallvignetten zeigt sich, dass die zentralen Entwicklungsthemen der Adoleszenz - etwa die Auseinandersetzung mit dem neuen, fremden weibliche KÃrper und den mit ihm verbundenen ÃberwÃ$ltigenden erotischen GefÃhlen - stets latent prÃ$sent si Lernprozessen und geben dem Lernen von Physik eine oft schillernde und doppelbÃdige Note. Der fachliche Erfolg der Protagonistinnen der Fallstudien hÃ$ngt nicht zuletzt von ihrer FÃ$higkeit ab, den Wechselverkehr zwischen psychischer Innenwelt und der AuÃenwelt des Physikunterrichts phantasievoll zu gestalten. Fanden die MÃ$dchen ein sensibles GegenÃbers - das mochte die Lehrkraft oder auch eine MitschÃlerin (selten ein MitschÃler) sein -, das die Gedankenfiguren sowohl auf der manifesten als auch auf der latenten Ebene lesen konnte, so gelang es Orientierung und Ordnung in das Gewirr der Gedanken zu bringen sowohl auf der manifesten Ebene des physikalischen Weltverstehens als auch auf der latenten Ebene des intrapsychischen Selbstverstehens. Wie eine der beobachteten SchÃlerInnen meinte scheint der SchlÃssel zur Entwicklung physikbezogener IdentitÃ$t darin zu liegen, dass MÃ$dchen, die Physikerin werden wollen, beides kÃnnen: fachlich- inhaltlich argumentieren und gleichzeitig die fachlichen Symbolisierungen nÃtzen, um das, was sie in ihrer Innenwelt bewegt zu strukturieren.

Abstract (English)

In an ethnographic case study design, the question was explored how the development of female gender identity and learning physics are entangled during early adolescence. The girls examined, who attend level 7 or 8 at a Viennese High School, show interest in physics and are successful learners. The data consists of observation reports of 10 observations for each girl as well as semi-structured interviews held with the physics teacher at the end of the observation period. The texts were analysed through hermeneutical in-depth methods and interpreted from the theoretical point of view of psychoanalytic pedagogy and constructivists' theories of high school physics pedagogy, as well as gender studies.

The study is based on the theoretical concept of physics identity. This framework includes interest, competence/performance and physics-related self-perception. All these factors are regarded as important in research which focuses on equity in physics classrooms. It is enhanced by the dimension of recognition by the important others. In using this theoretical concept, the shaping of students' roles in the physics classroom can be understood as part of developing a personal identity:

Playing with real and phantasmatic aspects of identity, the students experimentally form an individual personality in the interplay of self-perception and the perception of others. Activities in the physics classroom will not only lead to conscious perceptions but also arise unconscious connotations and imaginations.

Therefore, learning physics is interwoven with adolescent development on the one hand, on the other hand interactions in physics lessons are entangled with the masculine culture of physics and gender stereotypes without being recognized. They can be revealed as latent meaning by the means of an in-depth analysis of the data. Teachers often design refined physics lessons based on the results of research on equity issues in physics education. However, they are not successful in establishing equal chances for boys and girls because of the complexity of the teaching and learning process and the multidimensional interdependences between its components. They are not successful because they thwart their goals by not reflecting the traditions, habits and implicit beliefs inherent in the culture of physics and high school physics.

Moreover stereotyped scenes arise out of a deliberate coincidence of factors in the teaching process. As a consequence, gender inequities arise on the macro-scale e.g. in international student assessments. Whether girls are successful in using the public offer of physics lessons in the process of building up a physics identity depends on the interaction between cultural as well as familial resources and dynamics on the one hand and the quality of physics lessons offered by the schools on the other hand but also on the mental resources (cognitive and emotional) of the learning individual. The achievement of the case studies' protagonists are not so much based on their knowledge about physics achieved in out-of-school experiences besides one exception. They are much more due to their lingual, meta-cognitive and social competencies. The girls are able to think about physical phenomena, explanations and principles and simultaneously reflect whether it connects with their horizon of understanding.

Partially they articulate their problems of understanding in front of the class and volunteer as models who translate the problem from the scientific language into their own language and the language of their peers and who discuss the problem with the teacher.

In the case studies it also becomes evident, that the central adolescent developmental tasks of the girls are always present in the physics lessons in an implicit way. Girls of this age (13 - 14 years) have to get in touch with their new, strange female body and learn to deal with the related overwhelming erotic emotions. Those developmental tasks interfere with the learning process and add an opalescent and ambiguous flair to the physics lessons. The protagonists' achievements in physics are strongly linked with their ability to organise the exchange of their psychological world and the outer world of school lessons in an imaginative way. In case the girls find a sensitive counterpart - either the teacher or a female (sometimes also a male) peer - who can read those figures of thought on both levels, the manifest one and the latent one, and can help the young woman to organise her thoughts and find an orientation on both levels, the level of physics and the level of her psychological world. As one of the observed girls says, girls who want to become a physicist are able to do both!: They can argue on problems of physics and simultaneously use the symbols of physics to restructure their inner world.

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